Weiter Raum

Kurze Formen sind mein Experimentierfeld. Mit Geheimnissen im Detail. Mit Gewicht im Leichten.

Der Legende nach schuf Ernest Hemingway eine der faszinierendsten Anekdoten der Literaturgeschichte. In einem Restaurant mit Kollegen zusammensitzend, behauptete Hemingway, mit nur sechs Wörtern eine Geschichte erzählen zu können. Die Wette galt und er kritzelte „For sale: baby shoes, never worn“ auf eine Serviette (auf Deutsch noch sparsamer – Zu verkaufen: Babyschuhe, ungetragen).

Hemingway ist nicht der geistige Vater der Kurz-Kurzgeschichte. Ihm gebührt höchstens die Ehre, eine Jahre zuvor schon verbreitete Erzählung verdichtet zu haben. Doch abgesehen davon zeigt die gern zitierte Episode: Es braucht als Geschichtenerzähler nicht viel, um viel zu erzählen. Oder besser: Es braucht nicht viel, um einen Raum zu öffnen, in dem sich die Fiktion ausdehnen kann.

Schneller auf den Punkt kommen

Als ich vor 25 Jahren mit dem literarischen Schreiben begann, hatte ich nichts Anderes als Romane im Kopf. Als ich mich knapp zehn Jahre später an den ersten Erzählungen versuchte, unterschritt kaum eine von ihnen fünf Seiten. Meist holte ich länger aus.

Nach dem bislang letzten monatelang entwickelten, monatelang geschriebenen und monatelang überarbeiteten Roman, beschloss ich, vorerst etwas anders zu machen: Ich beschloss, mich anderen Formen zu öffnen. Ich beschloss, mich komplett der Kürze zu verschreiben.

Zuvor hielt ich nicht viel von meinen lyrischen Gehversuchen. Nun traute ich mich loszulaufen. Ich versuchte mich an Ein- bis Drei-Satz-Geschichten. Ich schrieb Miniaturen unter einer Seite. Ich reanimierte meine Poetry-Slam-Leidenschaft. Ich tobte mich aus.

Frei von Schranken schreiben

Es mag scheinen, dass kurze Formen mit Beschränkungen einhergehen. Ich habe die Erfahrung gemacht: Kurze Formen kennen keine Schranken. Ich kann assoziativ losschreiben. Kann auch erst die Gedanken schleifen lassen, bevor ich beginne. Kann mir formelle Regeln überlegen und ihnen folgen oder sie ignorieren. Kann Sprache konzentrierter – auf verdaulichem Raum – zur Kunstform erklären, mit Rhythmus, Farbe, Klang, Geschwindigkeit. Kann konkretisieren oder abstrahieren. Kann abschweifen, den Ursprungsimpuls komplett verwerfen. Kann mich im nächsten Moment in etwas völlig anderem verlieren.

Kurze Formen sind mein Experimentierfeld. Mit Geheimnissen im Detail. Mit Gewicht im Leichten. Ich schreibe und staune und überrasche mich selbst. Also schreibe ich weiter kurz. Und freue mich auf weitere Entdeckungen.

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