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Wo die Ideen wachsen

Die Aufgabe des Schriftstellers ist es, jederzeit empfangsbereit zu sein.

Der 6. November 2011 war ein ungewöhnlich warmer Tag. Ich entledigte mich meiner Jacke und blinzelte in die Sonne, ließ das Laub unter meinen Füßen rascheln. Der Herbstspaziergang dauerte nicht lang, eine Viertelstunde vielleicht. Ich war auf dem Weg zum Geldverdienen, als Sportreporter bei einem Amateurfußball-Kick, der furchtbar öde werden sollte. Aber das wusste ich noch nicht, als ich für wenige Augenblicke vergaß, dass ich eigentlich über die Idee für eine Geschichte nachdenken wollte, nach der ich bereits tagelang erfolglos fahndete.

Jene Idee, die ich just in dem Moment fand. Mit pochendem Herzen und einem Mix aus Glück und Panik. Weil die Idee nicht etwa herbeischlenderte und beiläufig den Hut hob, sondern angewalzt kam, gewillt mich zu überrollen. Mit Stift und Block versuchte ich sie zu bändigen, auf das sie blieb und nicht so schnell entschwinde, wie sie erschienen war.

Vom Suchen und Finden (lassen)

Die Frage, wie ich zu meinen Ideen komme, höre ich mit am häufigsten. Aber das geht jeder Schriftstellerin und jedem Schriftsteller so. Nur die Antworten fallen unterschiedlich aus. „[Ideen] kommen zu einem, von selbst. Man muss sie nur entgegennehmen“, schreibt der Bestseller-Autor Andreas Eschbach. Die Kabarettestin und Autorin Vera Nentwich verbannt die knutschende Muse dagegen ins Reich der Märchen und sagt sinngemäß: Ideen finden ist Arbeit und verlangt die aktive Suche.

Ich habe das durchaus schon versucht. Habe mich auf mein Sofa ausgestreckt und die Augen zugekniffen. Angestrengt, weil kein Licht die Lider durchdringen sollte. Denn Licht bedeutet Ablenkung.

Es war nicht von Erfolg gekrönt. Nicht, weil ich eingeschlafen wäre – obwohl das auch schon vorkam. Sondern weil Verkrampfung nie hilfreich ist. Und man verkrampft automatisch, wenn man etwas zu verzweifelt finden will, sei es die Liebe oder die (Grund-)Idee für einen Roman oder eine Geschichte.

Impulse verknüpfen, Ideen wachsen lassen

Vielleicht wäre es überhaupt besser, von Impulsen statt von Ideen zu sprechen. Idee klingt so wuchtig, so bedeutungsschwer, so platonisch. Und Impulse finden sich tatsächlich überall – fast immer dann, wenn man eben nicht nach Ihnen sucht: auf dem Behandlungsstuhl des Hautarztes, in einer Straßenbahn oder bei einem Waldspaziergang.

Diese Impulse freilich sind fragil. Sie tragen keinen Roman. Sie tragen nicht mal eine Kurzgeschichte. Aber Impulse sind auch gesellig. Sie bleiben selten allein, verbünden sich mit anderen Impulsen, die, geschickt verknüpft, tatsächlich tragfähig zu werden imstande sind.

Die Aufgabe des Schriftstellers ist demnach, jederzeit empfangsbereit zu sein. So einfach ist das. Die wahren Herausforderungen aber warten da erst: Jonglieren, gewichten, (aus-)sortieren, falten, glätten, auseinandernehmen, neu zusammensetzen und so weiter und so fort. Die eigentlich spannende Frage ist also nicht, wie Autorinnen und Autoren zu ihren Ideen (oder Impulsen) kommen, sondern wie aus ihnen eine Geschichte wird.

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